Leviathan Wilds

Leviathan Wilds

Genre: Kartenspiel • Abenteuerspiel • Aktionsmanagement
Autor: Justin Kemppainen
Illustrator: Samuel R. Shimota
Spieleverlag: Moon Crab Games, Frosted Games
Empfohlenes Alter: 10+ Jahre
Spieldauer: 45 – 90 Minuten

Leviathan Wilds   01.06.2026 von 2-PL4Y3R5

Die Spielidee ist ja mal richtig kreativ. Mal ein Spiel, in dem es nicht um Gewalt und Kampf geht. Nun, eigentlich ja schon – aber zu einem guten Zweck! Die Welt, in der Leviathan Wilds spielt, wird von riesigen, sanftmütigen Wesen, den Leviathanen, bewohnt. Zumindest waren sie einmal sanftmütig. Seit Jahrhunderten treiben sie ihr Unwesen und zerstören alles, was ihnen in die Quere kommt. Warum? Es scheint, sie haben nur Schmerzen; auf ihren Körpern wuchern Kristalle. Eure Aufgabe als Hüter ist es, die Leviathane zu besteigen und die Kristalle auf ihren Körpern zu zerstören, um so ihren wahren, sanftmütigen Charakter sowie das Leben und den Frieden auf dem Planeten wiederherzustellen. Leviathan Wilds ist also Doktor Bibber. Ihr wisst schon: dieses Spiel, in dem man mit ruhiger Hand Gegenstände aus einem Menschen operieren muss, die da nicht hingehören. Nur dass Leviathan Wilds kein Geschicklichkeitsspiel ist. Hier geht es um Strategie und gemeinsame Planung, um die Team-Mission zum Erfolg zu führen.

 

Das Material und die Vorbereitung

 

Das Spielmaterial in Leviathan Wilds ist herausragend. Allen voran wäre da das durchdachte Plastik-Inlay zu nennen, in dem alle Spielkomponenten perfekt aufbewahrt werden können. Es gibt doppellagige Spielertableaus, hübsche verschiedenfarbige Holzfiguren für die Charaktere und bunte, halbtransparente Würfel. Das Ringbuch mit den verschiedenen Leviathanen, das als Spielbrett fungiert, ist ebenfalls von hoher Qualität; hier ist Robustheit aber auch Pflicht. Besonders cool sind die roten Angriffsmarker aus Plastik. Ein Marker wird immer dort hingelegt, wo der Leviathan zuschlägt. Er hat die Form eines Einschlagkraters, in dessen Zentrum dann in der Regel die Figur des aktiven Charakters steht, bis er sich dann hoffentlich rechtzeitig wegbewegt hat.

 

Schauen wir uns den Spielaufbau an. Zuerst entscheidet man sich für einen der insgesamt 17 Leviathane im Ringbuch und schlägt die entsprechende Seite im Buch der Leviathane auf. Die Leviathane fungieren als Spielplan. Die Charaktere bewegen sich hier im Spielverlauf über das eingezeichnete Raster, indem sie klettern, springen, fallen oder gleiten. Der grundlegende Aufbau eines Leviathans ist immer gleich: Auf die türkis und lila leuchtenden Felder werden entsprechend farbige Würfel mit der angegebenen Augenzahl platziert. Sie repräsentieren die Kristalle, welche die Charaktere durch Angriffe zerstören müssen, um zu gewinnen. Andere Felder zeigen Pilz-Symbole. Hier werden verdeckt zufällige Pilzplättchen platziert, die im Spielverlauf eingesammelt werden können, um Boni zu erhalten.

 

Jeder Leviathan kommt mit einem eigenen Kartenset. Auf der Protokollkarte steht ein Flavortext zur Einstimmung sowie ein Text, den man bei erfolgreichem Abschluss lesen kann. Komplexere Leviathane können zusätzliche Aufbauschritte enthalten, die dann auf Karten des entsprechenden Sets gelistet sind. Außerdem hat jedes Leviathan-Kartenset fünf Bedrohungskarten. Sie werden gemischt und verdeckt in einer Reihe ausgelegt, mit der lila Seite nach oben. Oberhalb der Kartenreihe wird das Bedrohungstableau platziert. Je nach gewähltem Schwierigkeitsgrad (Leicht, Mittel, Schwer, Experte) wird der lila Zorn-Anzeiger auf das entsprechende Feld platziert. Bei den Schwierigkeitsgraden Schwer und Experte muss man bereits zu Spielbeginn eine bzw. zwei Bedrohungskarten um 180° drehen, sodass die türkise Seite nach oben zeigt. Im Spielverlauf werden immer mehr dieser Bedrohungskarten umgedreht, wodurch der Leviathan immer stärkere Angriffe ausführt. Zuletzt werden noch der gemischte Kartenstapel mit den Schwächekarten und die beiden Angriffsmarker bereitgelegt.

 

Nun folgt die persönliche Spieler-Vorbereitung, der Aufbau des Hüters. Zuerst nimmt sich jeder Spieler ein Spielertableau. Es zeigt eine schöne Übersicht über alle Aktionen und ihre Kosten in Aktionspunkten (AP) auf der rechten Seite. Unten befindet sich die Gesundheitsleiste. Ganz links wird der rote Lebensanzeiger und ganz rechts der türkise Verderbnisanzeiger platziert. Sollten sich diese Anzeiger jemals auf der Leiste treffen, war es das. Auf der rechten Seite befindet sich ein Slot für das Fokusplättchen, das dort zunächst verdeckt platziert wird.

 

Leviathan Wilds kommt mit eigenen Kartendecks für Charaktere und Klassen. Jedes Kartendeck ist unterschiedlich stark in den drei Attributen Bewegung, Stärke und Unterstützung. Dabei bestimmt die Stärke, wie gut man Kristalle zerstören und sich verteidigen kann, und Unterstützung, wie gut man anderen Hütern auf dem Spielplan hilft. Charaktere haben neben Karten, die ins Deck gemischt werden, noch einzigartige Fähigkeiten auf einer Übersichtskarte gelistet. Jeder Spieler wählt nun einen Charakter und eine Klasse, nimmt sich die entsprechenden Decks und mischt sie zu seinem Hüterstapel zusammen, der links vom Spielertableau als verdeckter Nachziehstapel bereitgelegt wird. Der Nachziehstapel wird in Leviathan Wilds als „Halt“ bezeichnet. Die Übersichtskarten von Charakter und Klasse werden auf bzw. neben das Spielertableau platziert. Hier können auch zusätzliche Aufbau-Anweisungen stehen, zum Beispiel kommen bestimmte Charaktere oder Klassen mit eigenen Plättchen. Bevor es losgeht, zieht jeder Spieler drei Karten vom Hüterstapel auf die Hand und platziert dann seine Hüterfigur auf ein beliebiges Feld der Startreihe des Spielplans, meist die unterste Reihe. Schon kann es losgehen.

 

Das Spielziel

 

In Leviathan Wilds gibt es ein ganz klares Ziel: Sobald alle Kristalle zerstört wurden, ist der Leviathan geheilt und die Spieler gewinnen die Partie. Um Kristalle zu zerstören, muss man sie zunächst auf dem Leviathan erreichen und sie dann erfolgreich angreifen. Die Augenzahlen der Würfel zeigen dabei an, wie viele Angriffe man benötigt. Wie verliert man? Wenn ein Spieler stirbt, hat jeder andere Spieler nur noch einen Zug, um die Siegbedingung zu erfüllen. Also schön auf die Lebenspunkte und die Verderbnis achten!

 

Der Spielablauf

 

In Leviathan Wilds sind die Spieler im Uhrzeigersinn am Zug. In jedem Zug werden vier Schritte abgehandelt: Bedrohung aufdecken, Hüter aktivieren, Bedrohung ausführen und auf drei Handkarten nachziehen. In Schritt 1, dem Aufdecken der Bedrohung, wird die am weitesten links liegende Bedrohungskarte umgedreht. Relevant ist nur die obere Hälfte, zu Spielbeginn meistens die einfachere Seite mit dem violetten Hintergrund. Im ersten Schritt passiert erst einmal nichts weiter. Man sollte sich die Karte aber genau anschauen, denn sie wird, nachdem man seinen Zug mit dem Hüter beendet hat, ausgeführt. Welche Bedrohungen erwarten dich? Bei den ersten Leviathanen liest man z. B. „der Hüter mit den wenigsten Lebenspunkten erhält einen Schaden“. Viele Bedrohungskarten zeigen aber auch Angriffe, und zwar in Form eines Rasters. Dann wird der Angriffsmarker auf die aktuelle Position des aktiven Hüters platziert, um zu sehen, wo der Angriff am Ende des Zuges einschlägt. Alle auf der Karte markierten Kreise im Raster relativ zur Einschlagsposition werden dann getroffen; d. h. der Hüter sollte sich während seines Zuges aus dieser Zone herausbewegen, um dem Angriff zu entgehen. Es gibt aber auch schnelle und verzögerte Angriffe, bei denen man wesentlich schlechter reagieren kann, also aufpassen!

 

Nachdem die Bedrohung aufgedeckt wurde, darf man seinen Hüter aktivieren. Zu diesem Zeitpunkt hat man in der Regel drei Handkarten. Handkarten sind Dual-Use. Zwei der Handkarten darf man in seinem Zug für ihre Fähigkeit spielen, eine muss man allerdings als AP-Karte spielen, ohne ihre Fähigkeit nutzen zu können. Die AP-Karte bestimmt, wie viele Aktionspunkte man in diesem Zug zur Verfügung hat, und kann auch Schutzsymbole liefern, sodass man gegen verschiedene Einflüsse auf dem Leviathan für den aktuellen Zug immun wird. Karten mit starker Fähigkeit haben meist auch viele AP (die Zahl oben links) und/oder Schutzsymbole. Die Entscheidung kann manchmal also nicht leichtfallen, welche Karte man für ihre AP ausspielt. Nachdem die AP-Karte gespielt wurde, darf man beliebig viele Aktionen ausführen, solange man noch Aktionspunkte hat, und Karten für ihre Fähigkeit ausspielen. Die Effekte auf Karten setzen sich meist aus den Basisaktionen zusammen, sind aber effektiver oder erlauben in Kombination mit den Basisaktionen Kombos, die effiziente Bewegung und Angriffe miteinander verbinden. Einige Karten können auch im Zug der Mitspieler gespielt werden, um ihre Aktionen zu verbessern. Absprachen sind hier also wichtig.

 

Schauen wir uns also die Aktionen in Leviathan Wilds an. Im Grunde lassen sie sich sehr einfach in drei Kategorien einteilen: Bewegung (Klettern, Springen, Gleiten, Fallenlassen), Angreifen (Schlagen) und Erhaltung (Heilen, Ausruhen, Pilz-Aktionen). Schauen wir uns zuerst die Aktionen an, die AP kosten.

 

Bei den Bewegungsaktionen gibt es allgemein ein paar Dinge zu beachten: Man darf nur Felder betreten, die durch einen geschlossenen Kreis markiert sind. Sollte man ein offenes Feld betreten, geht das auch, aber man beginnt sofort zu fallen. Außerdem gibt es rot und gelb markierte Felder. Bei roten Feldern (schädlich) verliert man sofort einen Lebenspunkt. Bei gelben Feldern (rutschig) muss man die oberste Karte von seinem Nachziehstapel ablegen. So kann man Halt verlieren und sofort fallen, falls dies die letzte Karte war. Schutzsymbole auf der AP-Karte können dich aber gegebenenfalls immun gegen diese Effekte machen. Unter den Bewegungsaktionen ist Klettern die simpelste. Man bewegt seinen Hüter einfach ein Feld orthogonal nach oben, unten, rechts oder links. Das kostet 1 AP. Möchte man gefährliche oder offene Felder umgehen, hilft es häufig zu springen. Für 3 Aktionspunkte kann man sich so zwei Felder bewegen, wiederum nur orthogonal, aber dafür ignoriert man das Feld zwischen Start- und Zielfeld. Zuletzt kann man auch gleiten, das geht aber nur bergab. Der Vorteil: Gleiten kostet weniger AP als Klettern, wenn man schräg nach unten möchte. Außerdem überspringt man wie beim Springen auch beim Gleiten alle Felder auf dem Weg zum Zielfeld.

 

Was ist das Ziel der Bewegung? Im Grunde versucht man so effizient wie möglich zu den Kristallen zu kommen, um diese zu zerstören. Hierfür verwendet man die Aktion Schlagen. Man gibt dann für jede Augenzahl, die man am Würfel reduzieren möchte, einen AP aus. Je mehr AP man also übrig hat, desto fester schlägt man mit einer Aktion zu. Warum ist das relevant? Wie wir gesehen haben, gibt es violette und türkise Kristalle. Die türkisen sind fies. Denn für jeden Schlag auf einen solchen Kristall erhält man eine Verderbnis. Man will also sichergehen, dass man diese Kristalle idealerweise mit einem einzigen Schlag vernichtet. Hat man die Augenzahl eines Würfels auf null reduziert, kommt er vom Spielplan. Der Leviathan ist schon etwas glücklicher.

 

Verderbnis ist ziemlich fies, weil man diese nicht so leicht – in den meisten Fällen eigentlich gar nicht – wieder loswird. Umso wichtiger ist es, seine Lebenspunkte hochzuhalten. Denn nur wenn sich Lebenspunktemarker und Verderbnismarker treffen, war es das mit dem Hüter. Glücklicherweise kann sich jeder Hüter heilen: Einen Lebenspunkt wiederherzustellen, kostet 1 AP. Für 2 AP darf man sich ausruhen. Das funktioniert natürlich nur auf einem Vorsprung. Ausruhen hilft beim Management der Handkarten und verhindert, dass man im Spielverlauf ungewollt fällt. Ruht man sich aus, mischt man alle Karten in seinem Ablagestapel und schiebt ihn dann unter das Deck.

 

Neben diesen Aktionen gibt es noch vier Jederzeit-Aktionen. Drei davon haben mit den Pilzen zu tun. So darf man diese sammeln, wenn man auf einem Feld mit Pilz steht, und sie dann auf sein Spielertableau legen. Liegt ein Pilz auf dem Spielertableau, darf man ihn essen, wirft ihn dann ab und führt seine Fähigkeit aus. Oder man wirft den Pilz einem anderen Hüter innerhalb von drei Feldern Entfernung zu und transferiert ihn somit auf sein Spielertableau. Die vierte Jederzeit-Aktion ist es, sich fallen zu lassen. Das ist der schnellste Weg nach unten und kostet keine AP. Um allerdings an einem beliebigen Feld Halt zu fassen, benötigt man den Effekt Ankern, z. B. über eine Karte oder einen Pilz, ansonsten fällt man bis zum nächsten Vorsprung. Beim Fallen löst man auch alle Terrain-Effekte aus, die man passiert, und man darf sogar Pilze auf dem Weg nach unten pflücken.

 

Hat man alle Aktionen ausgeführt und Karten gespielt, die man spielen möchte, endet die Hüter-Aktivierung. Die zu Zugbeginn aufgedeckte Bedrohungskarte wird jetzt ausgeführt. Danach folgt Schritt 4: Handkarten nachziehen. Man zieht hier auf genau drei Handkarten nach. Was passiert aber, wenn der Nachziehstapel leer ist? Man hat keinen Halt mehr (daher heißt der Nachziehstapel auch Halt) und beginnt zu fallen. Man sollte also schauen, dass man zu diesem Zeitpunkt auf einer Plattform steht oder es nie dazu kommen lässt, indem man davor bereits die Aktion Ausruhen ausgeführt hat. Man darf sich aber in diesem Schritt auch dafür entscheiden, nicht auf drei Handkarten nachzuziehen, allerdings schränkt dies die Möglichkeiten erheblich ein, die man im nächsten Zug zur Verfügung hat.

 

Nachdem man seine Karten nachgezogen hat, ist der nächste Spieler am Zug. Es sei denn, es sind bereits alle fünf Bedrohungskarten aufgedeckt worden. Alle fünf Spielerzüge wird das Rundenende getriggert: Die fünf Bedrohungskarten werden wieder gemischt und neu verdeckt in einer Reihe ausgelegt, immer mit der violetten Seite nach oben. Dann wird der Bedrohungsmarker auf dem Bedrohungstableau ein Feld vorwärtsbewegt und entsprechend der neuen Position des Markers werden so viele Bedrohungskarten auf die türkise Seite, die wilde Seite, gedreht, die viel gefährlicher ist. Dies ist der Timer, denn sind erst einmal alle Bedrohungskarten auf wild gedreht, hält man sicher nicht mehr lange durch.

 

 

Bildergalerie von Leviathan Wilds (13 Bilder)

Spielmaterial

  • 1 Anleitung

 

Leviathan-Material

  • 1 Ringbuch „Buch der Leviathane“ mit 17 Leviathanen
  • 124 Karten der Leviathane (in 17 Sets)
  • 1 Bedrohungstableau
  • 1 Anzeiger (lila)
  • 2 Angriffsmarker
  • 12 Würfel (6x lila, 6x türkis)
  • 16 Leviathanplättchen (je 4 in 4 Farben)
  • 16 Pilzplättchen
  • 12 Schwächekarten

 

Spieler-Material

  • 4 Spielertableaus
  • 8 Hüterfiguren aus Holz
  • 8 Anzeiger (Holzwürfel, 4x rot, 4x türkis)
  • 94 Karten der Hüter (8 Charakter-Sets und 8 Klassen-Sets)
  • 11 Plättchen für die Charaktere und Klassen
  • 4 Fokusplättchen


Cover & Bilder © Cover: Frosted Games / Bilder im Artikel und Teaserbild: www.sofahelden.de


Das Fazit von: 2-PL4Y3R5

2-PL4Y3R5

Spielspaß/Spielgefühl: Leviathan Wilds haben wir bereits seit der ersten Crowdfunding-Kampagne verfolgt. Die Idee, mit seiner Figur über den Körper eines riesigen Leviathans zu steuern, um ihn von den schmerzenden Kristallen zu befreien und dabei von ihm attackiert zu werden oder herunterfallen zu können, hat uns extrem angetan. All das bietet so viel Neues – und wirklich Neues gibt es am Brettspielmarkt immer seltener. Leider hat es nicht so sehr gezündet, wie wir erwartet hatten. Vielleicht lagen die Erwartungen zu hoch. Wir haben mehrere Partien mit unterschiedlichen Leviathanen gespielt; wir wollten Leviathan Wilds mögen, und es ist auch ein wirklich gutes Spiel: Die Mechaniken passen super zusammen, die kartengesteuerte Grid-Bewegung funktioniert hervorragend und bietet einige Kombo-Möglichkeiten, und auch die Spielkomponenten machen einiges her. Aber die Freuden-Explosion, die Begeisterung während des Spiels, blieb aus. So schafft es Leviathan Wilds bei uns in puncto Spielspaß nur auf ein „Okay“.

Ja, es hat Spaß gemacht, und wir würden es wieder spielen. Besonders die Momente, in denen ein richtig guter Zug gelingt und alles genau aufgeht: Man springt, schafft es mit seiner Spezialfähigkeit noch, einen Kristall zu zerstören, um dann kurz vor dem Fallen eine Plattform zu erreichen – ja, diese Momente waren wirklich gut. Aber abseits solcher „Mega-Züge“ plätscherte es eher so vor sich hin: Bewegen, ein Schlag auf den Kristall, mehr schaffe ich nicht – du bist dran. Es fehlte irgendwie an Action. Aber vielleicht ist es genau das, was anderen Spielern an Leviathan Wilds so gefällt, denn offensichtlich macht es hier vieles anders als andere Spiele mit ähnlichen Mechaniken. Wer also ein gemütliches, kooperatives Spiel sucht, das taktisch durchaus nicht trivial ist, der wird mit Leviathan Wilds sicher sehr gut bedient sein! Leviathan Wilds wird nicht zu unserem neuen Lieblingsspiel und geht für uns leider bei der Fülle an Spielen in unserem Regal unter, auch wenn es auf dem Papier in allen unseren Wertungskriterien punktet.

 

Balancing/Glücksfaktor: Ähnlich wie in Deckbuilding-Spielen hat jeder Spieler sein eigenes Kartendeck. Das bleibt im Gegensatz zum Deckbuilder aber über eine gesamte Partie unverändert. Gleich bleibt allerdings das Glücksmoment, aus welcher Kartenhand man während eines Zuges schöpfen kann. Kartenfähigkeiten sind hier aber nicht alles, denn Basisaktionen stehen immer zur Verfügung. Kartenfähigkeiten haben den Vorteil, dass sie keine Aktionspunkte kosten, also freie Aktionen darstellen, und zugleich verbesserte Basisaktionen oder eine Kombination von Basisaktionen ermöglichen. Außerdem sind Karten Dual-Use: Von den drei Handkarten, die man in der Regel zu Beginn eines Zuges auf der Hand hat, spielt man eine, um Aktionspunkte zum Ausführen von Basisaktionen zu generieren; die anderen beiden können dann für ihre Fähigkeiten gespielt werden. Die Glückslast hält sich also in Grenzen, Pech fühlt sich nicht schlimm an, Glück dafür umso positiver. Will heißen: Entweder man macht bei einer schlechten Kartenhand einfach das Beste aus den Basisaktionen (halb so schlimm!), oder man freut sich bei einer guten Kartenhand über die sich ergebenden Kombo-Möglichkeiten.

Die Bedrohungskarten hingegen sind dafür schon viel gemeiner. Wir haben hier auch tatsächlich schon Partien wegen Pech verloren. Wenn eine der fünf Bedrohungskarten allen Spielern unverhinderbare Verderbnis austeilt, die uns niederstrecken würde, ausgerechnet diese Bedrohungskarte aber als erste von fünf Karten zu Beginn einer Runde aufgedeckt wird, dann wurden wir vier Zügen beraubt, in denen wir das Ruder noch hätten herumreißen können. Das ist dann sehr ärgerlich, gerade wenn man kurz vor dem letzten Kristall steht und nur noch einmal zuschlagen muss, um zu gewinnen. So etwas muss man also abhaben können. Glück spielt auch bei den zufällig und verdeckt ausgelegten Pilz-Plättchen eine Rolle: Macht man einen Umweg, um einen Pilz einzusammeln, weil man auf der Suche nach dem Pilz mit Verderbnis-Schutz ist? Nun, die Chancen stehen 1 zu 10.

Zum Thema Balancing: Es gibt ja sehr viele verschiedene Klassen- und Charakter-Decks, die kombiniert unterschiedliche Schwerpunkte haben und bestimmte Dinge besser können als andere. So gibt es Decks, die in puncto Bewegung glänzen, und andere, die gut zuschlagen können. Uns hat sich aber noch nicht so wirklich erschlossen, wie man diese Spezialisierungen taktisch clever ausnutzen kann. Allrounder haben für uns die besten Chancen, denn jeder muss ja irgendwie mehr oder weniger alleine klarkommen, sich entlang des Leviathans bewegen und Kristalle zerschlagen. Bewegung und Zuschlagen können nicht auf zwei Charaktere aufgeteilt werden.

 

Komplexität/Regeln: Leviathan Wilds ist ein Kennerspiel auf mittlerem Niveau. Die Regel hat insgesamt 24 Seiten, inklusive einer sehr nützlichen Effekt- und Symbolübersicht auf der Rückseite. Richtig schön sind auch die Spielerzug-Beispiele: Ein einfacher und ein fortgeschrittener Zug werden Schritt für Schritt exemplarisch, aber ausführlich durcherklärt, was jeweils eine ganze Seite einnimmt. Diese beiden Seiten erklären im Grunde schon das ganze Spiel oder bringen einem zumindest den Flow näher. Die Regel ist darüber hinaus wirklich gut strukturiert, mit vielen kleinen, sinnvollen Abbildungen, was das Erarbeiten erheblich erleichtert. Auf den ersten Blick mag das Regelwerk kleinteilig erscheinen, aber hat man erst einmal angefangen, erklärt sich alles von selbst; der Spielfluss stellt sich sehr schnell ein.

Eine Besonderheit an Leviathan Wilds ist die Anpassbarkeit der Schwierigkeit und Komplexität auf mehreren Ebenen. Jeder der 17 Leviathane ist einer Komplexität zwischen 1 und 4 zugeordnet, wobei Leviathane mit höherer Komplexität auch mehr Sonderregeln besitzen. Die ersten beiden Leviathane richten sich bewusst an Einsteiger. Bei jedem Leviathan lässt sich zudem der Schwierigkeitsgrad über vier Stufen anpassen: Leicht, Mittel, Schwer und Experte. Der Schwierigkeitsgrad bestimmt, wie schnell der Leviathan „wild“ wird, also wie viele Runden es dauert, bis seine Angriffe stetig stärker werden. Auf den hohen Stufen startet der Leviathan bereits auf einer erhöhten Zornstufe. Auch Charaktere und Klassen haben eine Komplexität von 1 bis 4. Hüter können Allrounder sein, die sich gleichermaßen gut bewegen, angreifen und unterstützen, oder eben Spezialisten, was oft schwieriger zu spielen ist.

Was wir während unserer ersten Partien am anspruchsvollsten fanden, war es, den „Halt“ zu managen. Als Deckbuilding-Liebhaber sind wir es gewohnt, schnell durch das Deck zu gehen – dann wird neu gemischt und alle guten Karten sind wieder da. Das ist hier aber genau der falsche Ansatz. Denn ist das Deck leer, verliert man den Halt und fällt! Mit Pech darf man wieder von ganz unten anfangen zu klettern, und fällt man von ganz oben, hat man eigentlich schon verloren. Das gilt es also zu vermeiden. Man muss sich auf einem Vorsprung ausruhen, bevor das Deck leer ist, wodurch der Ablagestapel zurück in das Deck gemischt wird und man wieder Halt gewinnt. Man muss also immer schauen, wie viele Karten noch im Stapel sind, und berechnen, wie viele Züge man noch hat, bis man an einem Vorsprung zwei Aktionspunkte fürs Ausruhen ausgeben muss – und man sollte zu diesem Zeitpunkt diese zwei AP auch übrig haben. Und nicht zu knapp kalkulieren, denn auf dem Weg kann man auch unerwartet Halt (also Karten vom Deck) verlieren, durch Bedrohungskarten oder Effekte auf dem Leviathan.

 

Spielerinteraktion/Spieleranzahl: In Leviathan Wilds spielt man kooperativ und sollte sich gut absprechen, wenn man siegreich sein will. Besonders zu Beginn der Partie sind Absprachen nötig: Wer startet auf welchem Feld? Du gehst das rechte Bein hoch, ich das linke – dann versuchen wir, oben angekommen, in der Mitte herunterzugleiten, um die übrigen Kristalle in der Bauchregion zu entfernen. Klingt nach einem Plan! Und dann gibt es während der Partie die Möglichkeit, Karten auch während des Zuges eines Mitspielers zu spielen. Solche Karten haben besonders Klassen und Charaktere im Deck, die einen hohen Unterstützungswert haben. Die Karten geben dann z. B. +1 auf Zuschlagen oder Bewegung und können den entscheidenden Unterschied machen, damit ein Spielerzug optimal ausgeführt werden kann. Manchmal fehlt eben genau eine Bewegung, um den Vorsprung zu erreichen, bevor man an Halt verliert, oder ein Punkt auf Zuschlagen, um den türkisen Kristall mit einem Mal vernichten zu können, damit man eben nur eine Verderbnis statt zwei erhält. Karten einem Mitspieler zu geben, hat aber auch Nachteile, denn man selbst hat so eine Karte weniger im eigenen Zug zur Verfügung.

Eines haben wir noch vergessen: Pilze zuwerfen! Das ist so ziemlich die epischste Aktion im ganzen Spiel und gefühlt auch die direkteste Spielerinteraktion, die Leviathan Wilds bietet. Hat jemand einen Pilz, kann er ihn aus drei Feldern Entfernung Mitspielern zuwerfen. Meist muss man hier natürlich erst einmal in Reichweite laufen, wodurch sich diese Aktion sehr realistisch anfühlt. Wir haben die Pilz-Plättchen natürlich immer tatsächlich quer über den Tisch geworfen, statt sie einfach nur rüberzureichen; wir sind ja keine Langweiler!

Wie skaliert Leviathan Wilds mit der Spielerzahl? Wir haben die meisten unserer Partien zu zweit gespielt, eine Partie aber auch zu dritt. Wir können uns nicht vorstellen, Leviathan Wilds mit mehr Spielern zu spielen. Für uns ist es perfekt als 2-Personen-Spiel. Klar, es ist ein kooperatives Spiel und man kann sich gegenseitig helfen, indem man Karten im Zug eines Mitspielers spielt (oder sich Pilze zuwirft!), aber da unserer Meinung nach auch im eigenen Zug oft relativ wenig „passiert“, wäre eine höhere Downtime doch eher störend.

 

Spieldauer: Leviathan Wilds spielt sich angenehm schnell. Auf der Schachtel steht zwar 45–90 Minuten, aber keine unserer Partien hat 90 Minuten gedauert. Wir lagen fast immer unter einer Stunde. Allerdings haben wir bisher nur die ersten drei Leviathane gespielt; wir können uns vorstellen, dass die komplexeren Leviathane durchaus Stoff für längere Partien liefern. Die Spieldauer korreliert auf jeden Fall so gut wie gar nicht mit der Spielerzahl, denn mit mehreren Spielern kommt jeder einzelne auch seltener dran. Man teilt sich das Zerschlagen der Kristalle quasi auf – und spielt man schlecht, na ja, dann ist man eben seltener dran, bis man verloren hat: Es werden nämlich immer fünf Spielerzüge ausgeführt, bevor die Bedrohungsstufe steigt. Die Bedrohungsstufe ist der Timer.

 

Wiederspielbarkeit: Was hat Leviathan Wilds alles zu bieten und wie lange kann man Freude daran haben? Hier werden die Spieler nicht enttäuscht! Es gibt insgesamt 17 Leviathane, also 17 verschiedene „Level“ in Leviathan Wilds. Jedes ist einzigartig – nicht nur im Artwork, sondern natürlich auch in der Anordnung des Rasters, den Positionen der Kristalle, Plattformen, Pilze etc. Jeder Leviathan kommt mit anderen Bedrohungskarten und „kämpft“ also auf unterschiedliche Weise gegen die Hüter. Komplexere Leviathane bieten zudem eigene Sonderregeln. Es gibt acht verschiedene Charaktere und acht verschiedene Klassen, die untereinander frei zu einem Hüterkartendeck kombiniert werden können. Das macht 64 Kombinationen und damit 64 verschiedene Sets aus Charakter-Fähigkeiten und Aktions-Möglichkeiten im Hüterstapel.

Wem das alles nicht genug ist, der kann in Richtung Erweiterungen schielen: Leviathan Wilds: Deepvale bietet sieben neue Leviathane sowie jeweils eine neue Klasse und einen neuen Charakter. Die angekündigte Erweiterung Leviathan Wilds: Shattered Peak bringt noch einmal elf Leviathane, drei Klassen und drei Charaktere sowie einen neuen Kristall mit, der durch einen d8 repräsentiert wird und sich teleportiert, nachdem er angegriffen wurde. Unendlicher Spielspaß upcoming!


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