Was man von hier aus sehen kann

Was man von hier aus sehen kann

Originaltitel: Was man von hier aus sehen kann
Genre: Komödie
Regie: Aron Lehmann
Hauptdarsteller: Luna Wedler
Laufzeit: DVD (105 Min) • BD (109 Min)
Label: Arthaus
FSK 12

Was man von hier aus sehen kann   14.07.2023 von Dan DeMento

2017 erschien Mariana Lekys Roman Was man von hier aus sehen kann, und führte sofort alle Bestsellerlisten an. Jetzt wagte sich Regisseur Aron Lehmann an die Verfilmung, und kann mit vielen bekannten Gesichtern aufwarten. Wir haben uns angesehen, ob sich ein Blick lohnt, oder ob es weiterhin besser wäre, nicht von Okapis zu träumen.

Inhalt:
 
Luise (Luna Wedler) ist 22 und lebt in einem kleinen, von äußerst merkwürdigen Menschen bewohnten Dorf im Westerwald. So hat ihre Mutter Astrid (Katja Studt) eine Affäre mit dem italienischen Eisdielenbesitzer Alberto (Jasin Challah), der eigentlich Grieche ist, und der leicht shizophrene Optiker (Karl Markovics) ist seit Jahrzehnten heimlich verliebt in Luises Oma Selma (Corinna Harfouch). Und die scheint die Merkwürdigste von allen zu sein, denn immer wenn sie von einem Okapi träumt, stirbt kurz darauf ein Einwohner des Dorfes. Und als wäre das alles nicht schon schwierig genug, taucht auch noch der junge Buddhist Frederik (Benjamin Radjaipour) im Dorf auf und weckt bei Luise Gefühle, die sie eigentlich nie wieder haben wollte.
 
Romane zu verfilmen, ist nie eine leichte Angelegenheit, schon gar nicht, wenn sie sehr erfolgreich waren und eine entsprechend kritische Fangemeinde haben und am allerwenigsten, wenn Wortwitz und Surrealismus zentrale Elemente darin sind. Regisseur Aron Lehmann, der mit seinem Langfilm-Debut Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel vor gut zehn Jahren gleich mal das Münchner Filmfest eröffnete, wagte sich trotzdem daran, und ließ sich bei der Umsetzung von großen Vorbildern inspirieren.
 
Denn schon in der Eröffnungssequenz, einer kurzen, von der Hauptprotagonistin per Voiceover illustrierten Einführung in das Dorf, seine Bewohner und deren Eigenheiten schreit alles extrem laut Wes Anderson. Pastellige, perfekt aufeinander abgestimmte Farben, mittige Bildgestaltung, starre, klar choreografierte Bilder und mittenlastige Bildgestaltung, all diese Elemente könnten ebenso in The French Dispatch oder Grand Budapest Hotel vorkommen. Möchte man noch ein paar Jahre weiter zurückgehen, werden vor allem im späteren Verlauf des Films auch einige stilistische Parallelen vom französischen Klassiker Die fabelhafte Welt der Amélie deutlich.
 
Doch was anderswo störend oder zumindest geklaut wirken würde, fügt sich in Was man von hier aus sehen kann perfekt ein. Denn nicht nur optisch, auch erzählerisch könnte die Handlung des Films durchaus aus der Feder eines Wes Anderson oder Jean-Pierre Jeunet stammen. Jede Figur ist beinahe parodistisch überzeichnet, das Dorf wirkt wie eine riesige Kulisse und die gesamte Handlung ist einerseits komplett vorhersehbar, andererseits oft in ihrem Irrealismus komplett überraschend. Und immer wenn man gerade denkt, man hätte Was man von hier aus sehen kann jetzt verstanden und geneigt ist, sich ein wenig berieseln zu lassen, schlagen clever verteilte Momente einem mit Anlauf in die Magengrube. Diese wenigen, wirklich tragischen oder auch zutiefst romantischen Momente wirken durch die sie umgebende Dauerkomik noch wesentlich extremer und dürften selbst den Härtesten unter uns gelegentlich ein Tränchen entlocken. So bewegt sich der Film permanent zwischen Märchen, Romanze, Komödie und Drama, ohne sich irgendwo konkret einordnen zu lassen, oder sich selbst zu verraten. Denn immer, wenn Was man von hier aus sehen kann droht, in Kitsch abzudriften, passiert im exakt richtigen Moment etwas so Wahnwitziges, dass alles wieder vergessen ist.
 
Dieses permanente Hin und Her wäre nicht möglich ohne eine Riege wirklich großartiger Schauspieler, und hier bekommen wir wirklich in beinahe jeder Rolle ein bekanntes Gesicht vorgesetzt. Angeführt wird die Riege von Luna Wedler, die nicht nur in Biohackers oder der Instagram-Serie Ich bin Sophie Scholl von sich reden machte, sondern mit Regisseur Aron Lehmann auch schon in dessen 2018er RomCom Das schönste Mädchen der Welt zusammenarbeitete, und Corinna Harfouch, die seit den 80ern in großartigen Filmen wie Knockin’ on Heaven’s Door, Der Untergang, Bibi Blocksberg oder zuletzt in Lara aufgetreten ist. Doch auch Peter Schneider, der die wohl tragischste Figur des Films verkörpert, und der aus der Netflix-Serie Dark bekannt ist, und die - leider in einer recht kleinen Rolle etwas verschenkte - Schauspielerin (und Ehefrau des Regisseurs) Rosalie Thomass, bekannt aus den Känguru-Filmen und Marcus H. Rosenmüllers Beste Zeit-Trilogie machen ihre Sache wirklich extrem gut.
 
Heimliches Highlight des Films ist aber auf jeden Fall der namenlose Optiker, verkörpert von Karl Markovics. Der österreichische Schauspieler ist den meisten vermutlich bekannt als Stockinger aus Kommissar Rex oder aus zahllosen Komödien wie Hinterholz 8, Komm, süßer Tod oder Geboren in Absurdistan. In Was man von hier aus sehen kann dagegen spielt er eine in all ihrer Zerrissenheit und Hilfslosigkeit so aufrichtige und sympathische Figur spielt, wie man es selten gesehen hat. Es gibt nicht nur einen Moment, in denen er seine hochkarätigen Kolleginnen und Kollegen mit einem einzigen Blick locker an die Wand spielt.
 
So bleibt zuletzt wenig Negatives, was man über Was man von hier aus sehen kann sagen kann. Wer keine Lust hat, sich auf ein wenig Surrealismus, Gefühlschaos und Absurdität einzulassen, der könnte sich mit dem Film schwer tun, wer aber Filme wie Grand Budapest Hotel, Die fabelhafte Welt der Amélie oder generell Filme, die sich ein wenig vom deutschen Vorabends-Einheitsbrei abheben, mag, der wird hier solide eineinhalb Stunden Filmgenuss serviert bekommen.
 

Bildergalerie von Was man von hier aus sehen kann (4 Bilder)

Details der Blu-ray:
 
Hier wurde mit viel Sorgfalt und Liebe zum Detail gearbeitet, und das merkt man auch auf der technischen Seite. Das Bild ist durchgängig frei von Störungen, natürlich und mit schönen Kontrasten und die Schärfe ist eine helle Freude, vor allem in den Momenten, in denen der Film bewusst mit diesem Element spielt. Auch der Ton ist sauber, klar abgemischt und gut verständlich. Große Bombast-Effekte oder Action-Sequenzen gibt es nicht, trotzdem kommt der Ton mit ordentlich Druck aus den Boxen. An Extras bekommen wir den Trailer, ein winziges Feature mit Roman-Autorin Mariana Leky, ein Making Of und eine Hörfilmfassung für Sehbehinderte.


Cover & Bilder © Studiocanal GmbH / Walter Wehner / © Frank Dicks/


Das Fazit von: Dan DeMento

Dan DeMento

Was man von hier aus sehen kann ist für mich eine der großen Überraschungen des Filmjahres. Ich kannte das Buch nicht, mein Anreiz war Hauptdarstellerin Luna Wedler, die mit ihrem großartigen Spiel selbst wirklich nicht gerade meisterhafte Filme wie Das schönste Mädchen der Welt oder Dem Horizont so nah retten kann. Mit einer ähnlichen Erwartung ging ich also auch an Was man von hier aus sehen kann heran und war - nachdem ich zugegeben einige Minuten brauchte, um mich auf das recht offensichtliche Wes Anderson Plagiat einzulassen - mehr als positiv überrascht. Großartige Figuren, eine interessante Erzählweise und das alles auf wirklich höchstem technischen Niveau - dieser Film macht wirklich Spaß. Ich bin kein großer Fan von romantischen Komödien und der Kitsch-Alarm schlägt bei mir relativ schnell an, doch Was man von hier aus sehen kann hat jedes einzelne Mal im genau richtigen Moment die Kurve bekommen. Wie gut oder schlecht das Buch umgesetzt ist, kann ich nicht beurteilen, aber für den Film an sich gilt: Klare Empfehlung!


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